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Archive for the ‘Bücher’ Category

Erst sind es nur Verbote. Dann kommen die Schläge. Schon als kleine Mädchen werden Nourig Apfeld und ihre jüngere Schwester Waffa von Mutter und Vater geprügelt. Mit Fäusten oder dem Gürtel. Vergeblich: Die in Deutschland aufgewachsenen Kinder brechen aus der archaischen Welt der kurdisch-syrischen Familie aus.

Während Nourig sich nur innerlich abwendet, rebelliert ihre Schwerster offen – und bezahlt mit dem Leben. Als 17-jährige wird sie 1993 von ihrem Vater und anderen Verwandten ermordet, ohne dass die ältere Schwester sie gewarnte hätte. Jetzt hat Nourig Apfeld ihren Bericht vorgelegt: „Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester.“ Die Geschichte aus einem bürgerlichen Wohnviertel von Bonn-Bad Godesberg ist im Großen und Ganzen aus dem Prozess bekannt. 2008 wurde auch ein Urteil gefällt. Trotzdem erschüttert Nourig Apfelds Schilderung vom Leben und Sterben in einer Familie, die innerlich nie in Deutschland ankam.

Der kurdische Vater kam als politischer Flüchtling nach Deutschland. Die Mutter, die weder lesen noch schreiben konnte, folgte mit den Kindern. Aufgewachsen unter der Herrschaft von Männern und verhaftet in islamisch geprägten Familienstrukturen versuchte die Mutter, ihre Töchter vom Einfluss der westlichen Welt abzuschotten. „Meine Mutter, die selber in diesem System des absoluten Gehorsams aufgewachsen war und sich in der Fremde daran klammerte, schlug mich von Kindesbeinen an mit der offenen Hand, der Faust oder irgendeinem Gegenstand“, schildert die Autorin.

Als Kind genießt Nourig Apfeld in den 80er Jahren nachmittags das Leben in Jugendeinrichtungen, die statt der Eltern die gesuchte menschliche Nähe bieten. Sie will Abitur machen und studieren. Auch um ein Zeichen zu setzen gegen ausländerfeindliche Sprüche von Lehrern, Diskriminierungen durch Vermieter und die Ausbeutung ihres unterbezahlten Vaters. Nach vielen Kämpfen und Verletzungen erreicht sie letztlich ihr Ziel. Anders als ihre Schwester Waffa.

Mit Beginn der Pubertät hält die jüngere Schwester das Leben in der Familie nicht mehr aus. Sie läuft für ein paar Tage weg. Das Jugendamt sieht die Schuld bei dem aufsässigen Mädchen, das sich der elterlichen Kultur und Religion verweigert.

Waffa ist 14, als ihr Vater sie in die Türkei lockt. Ihre Schwester Nourig warnt sie nicht, obwohl sie ahnt, was geschehen wird. „Ich war zum Schweigen erzogen worden und hielt mich daran.“ Waffa wird bei Verwandten untergebracht. Sie muss arbeiten und wird von den Männern der Sippe immer wieder vergewaltigt. Sie flieht und wird von einem anderen Mann schwanger.

Hochschwanger steht Waffa mit 16 wieder wieder in Bonn vor der Tür. Als das Kind da ist, vernachlässigt sie es, lebt teilweise in Wohngemeinschaften und geht viel auf Partys. Am 29. August 1993 wird Nourig am frühen Morgen von ihrem Vater geweckt. Im Nebenzimmer liegt Waffa, tot. „Die Zunge quoll ihr aus dem Mund. Ein Sisalseil war um ihren Hals geschlungen.“ Die Enden des Seils hält ein Cousin in der Hand, ein zweiter Cousin steht daneben. Die Verwandten fordern Hilfe bei der Beseitigung der Leiche.

Aus Scham und Angst habe sie elf Jahre geschwiegen, schreibt Nourig Apfeld in ihrem Buch. Sie heiratet ihren deutschen Freund, macht eine Ausbildung und studiert. Die Mutter ist inzwischen tot, der Kontakt zum Vater abgebrochen. Der jüngere Bruder rutscht in die Kleinkriminalität ab. Die junge Frau leidet unter Angstzuständen. Mehrfach besucht sie Therapien und offenbart sich schließlich. Weil ein Cousin sie bedroht, geht sie zur Polizei. Dort gesteht sie auch ihr Wissen von dem „Ehrenmord“. Lange weigert sie sich auszusagen. Die Polizei versucht es mit einem Zeugenschutzprogramm. Im Nachhinein wirft Nourig Apfeld den Behörden aber vor, nur an ihrer Aussagen interessiert gewesen zu sein und ihr nie tatsächlichen Schutz gewährt zu haben.

Nun will sie ein neues Leben beginnen. In Freiheit, wie sie schreibt. Ihr Vater wurde 2008 wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Cousin sprach das Gericht aus Mangel an Beweisen frei, der andere war geflohen. Waffas Leiche wurde nie gefunden.

INFO: Nourig Apfeld: „Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester“, Wunderlich Verlag, 288 Seiten, 20,60 Euro, ISBN 978-3-8052-5013-9.

(APA/dpa)

Quelle: relevant.at

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