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Archive for September 2010

Erst sind es nur Verbote. Dann kommen die Schläge. Schon als kleine Mädchen werden Nourig Apfeld und ihre jüngere Schwester Waffa von Mutter und Vater geprügelt. Mit Fäusten oder dem Gürtel. Vergeblich: Die in Deutschland aufgewachsenen Kinder brechen aus der archaischen Welt der kurdisch-syrischen Familie aus.

Während Nourig sich nur innerlich abwendet, rebelliert ihre Schwerster offen – und bezahlt mit dem Leben. Als 17-jährige wird sie 1993 von ihrem Vater und anderen Verwandten ermordet, ohne dass die ältere Schwester sie gewarnte hätte. Jetzt hat Nourig Apfeld ihren Bericht vorgelegt: „Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester.“ Die Geschichte aus einem bürgerlichen Wohnviertel von Bonn-Bad Godesberg ist im Großen und Ganzen aus dem Prozess bekannt. 2008 wurde auch ein Urteil gefällt. Trotzdem erschüttert Nourig Apfelds Schilderung vom Leben und Sterben in einer Familie, die innerlich nie in Deutschland ankam.

Der kurdische Vater kam als politischer Flüchtling nach Deutschland. Die Mutter, die weder lesen noch schreiben konnte, folgte mit den Kindern. Aufgewachsen unter der Herrschaft von Männern und verhaftet in islamisch geprägten Familienstrukturen versuchte die Mutter, ihre Töchter vom Einfluss der westlichen Welt abzuschotten. „Meine Mutter, die selber in diesem System des absoluten Gehorsams aufgewachsen war und sich in der Fremde daran klammerte, schlug mich von Kindesbeinen an mit der offenen Hand, der Faust oder irgendeinem Gegenstand“, schildert die Autorin.

Als Kind genießt Nourig Apfeld in den 80er Jahren nachmittags das Leben in Jugendeinrichtungen, die statt der Eltern die gesuchte menschliche Nähe bieten. Sie will Abitur machen und studieren. Auch um ein Zeichen zu setzen gegen ausländerfeindliche Sprüche von Lehrern, Diskriminierungen durch Vermieter und die Ausbeutung ihres unterbezahlten Vaters. Nach vielen Kämpfen und Verletzungen erreicht sie letztlich ihr Ziel. Anders als ihre Schwester Waffa.

Mit Beginn der Pubertät hält die jüngere Schwester das Leben in der Familie nicht mehr aus. Sie läuft für ein paar Tage weg. Das Jugendamt sieht die Schuld bei dem aufsässigen Mädchen, das sich der elterlichen Kultur und Religion verweigert.

Waffa ist 14, als ihr Vater sie in die Türkei lockt. Ihre Schwester Nourig warnt sie nicht, obwohl sie ahnt, was geschehen wird. „Ich war zum Schweigen erzogen worden und hielt mich daran.“ Waffa wird bei Verwandten untergebracht. Sie muss arbeiten und wird von den Männern der Sippe immer wieder vergewaltigt. Sie flieht und wird von einem anderen Mann schwanger.

Hochschwanger steht Waffa mit 16 wieder wieder in Bonn vor der Tür. Als das Kind da ist, vernachlässigt sie es, lebt teilweise in Wohngemeinschaften und geht viel auf Partys. Am 29. August 1993 wird Nourig am frühen Morgen von ihrem Vater geweckt. Im Nebenzimmer liegt Waffa, tot. „Die Zunge quoll ihr aus dem Mund. Ein Sisalseil war um ihren Hals geschlungen.“ Die Enden des Seils hält ein Cousin in der Hand, ein zweiter Cousin steht daneben. Die Verwandten fordern Hilfe bei der Beseitigung der Leiche.

Aus Scham und Angst habe sie elf Jahre geschwiegen, schreibt Nourig Apfeld in ihrem Buch. Sie heiratet ihren deutschen Freund, macht eine Ausbildung und studiert. Die Mutter ist inzwischen tot, der Kontakt zum Vater abgebrochen. Der jüngere Bruder rutscht in die Kleinkriminalität ab. Die junge Frau leidet unter Angstzuständen. Mehrfach besucht sie Therapien und offenbart sich schließlich. Weil ein Cousin sie bedroht, geht sie zur Polizei. Dort gesteht sie auch ihr Wissen von dem „Ehrenmord“. Lange weigert sie sich auszusagen. Die Polizei versucht es mit einem Zeugenschutzprogramm. Im Nachhinein wirft Nourig Apfeld den Behörden aber vor, nur an ihrer Aussagen interessiert gewesen zu sein und ihr nie tatsächlichen Schutz gewährt zu haben.

Nun will sie ein neues Leben beginnen. In Freiheit, wie sie schreibt. Ihr Vater wurde 2008 wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Cousin sprach das Gericht aus Mangel an Beweisen frei, der andere war geflohen. Waffas Leiche wurde nie gefunden.

INFO: Nourig Apfeld: „Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester“, Wunderlich Verlag, 288 Seiten, 20,60 Euro, ISBN 978-3-8052-5013-9.

(APA/dpa)

Quelle: relevant.at

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Erbil. Ein am 4. Mai in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Irak, verschleppter Journalist soll von einer islamistischen Gruppe ermordet worden sein. Das erklärte die kurdische Regionalregierung am Mittwoch nach einer fünfmonatigen Untersuchung. Die Ermordung des 22jährigen Sardasht Osman, der vor der Universität von Erbil entführt und zwei Tage später in Mosul erschossen aufgefunden wurde, hatte zu den bislang größten Protesten gegen die kurdische Regierung seit dem Sturz des Baath-Regimes 2003 geführt. Da der Journalist unter anderem in der Zweimonatsschrift Ashtinam (Brief für den Frieden) in satirischen Artikeln die Korruption der kurdischen Führung unter Präsident Massud Barsani attackiert und deswegen zahlreiche Drohanrufe bekommen hatte, beschuldigten die Demonstranten Sicherheitskräfte der Regierung, hinter dem Mord zu stecken.

Bereits während des Wahlkampfes zum irakischen Parlament im Februar hatte die »Organisation zur Verteidigung der Pressefreiheit in Kurdistan« in einem Schreiben an Amnesty International beklagt: »Schläge, Anklagen, Inhaftierungen, Folter, Unterdrückung und Einschüchterung von Journalisten gehören in Irakisch-Kurdistan mittlerweile zur Tagesordnung«.

Von Nick Brauns / http://www.jungewelt.de

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Shiva Nazar Ahari sitzt unter anderem wegen „Feindschaft gegen Gott“ seit Ende 2009 in Teheran im Gefängnis. Ihr droht die Todesstrafe. Reporter ohne Grenzen hat eine Petition zur Rettung von Ahari ins Leben gerufen.

Shahrzad Kariman, die Mutter der 26-jährigen Menschrechtsaktivistin und Bloggerin Shiva Nazar Ahari, versucht, die Fassung zu bewahren. Tiefe Traurigkeit liegt in ihrer Stimme. Vor wenigen Tagen hat sie Ihre Tochter im Teheraner Evin-Gefängnis besucht  – in einer Besucherkabine, wie sie sie nennt: „Shiva zeigt sich mir gegenüber stark und motiviert und beklagt sich nicht über ihre Situation. Nach drei Monaten Wartezeit ist ihre Gerichtsverhandlung nun für den 4. September angesetzt. Shivas Anwalt dürfe sie nicht besuchen, sagt ihre Mutter.

Shiva Nazar Ahari ist  Gründungsmitglied der iranischen Menschenrechtsorganisation „Committee of Human Rights Reporters“ (CHRR). Als Redakteurin der Webseite der Organisation hat Shiva Nazar Ahari über Menschenrechtsverletzungen im Iran berichtet und sich insbesondere für die Rechte von Gefangenen, Flüchtlingen, Frauen und Kindern eingesetzt. Seit der Präsidentschaftswahl im Juni 2009 übt die Regierung verstärkt Druck auf CHRR aus. Die Zusammenarbeit mit dem Komitee wird als Straftat geahndet. Shivas Mutter kann nicht verstehen was ihrer Tochter passiert ist. „Shiva setzt sich seit fünf Jahren für Frauenrechte und Straßenkinder ein. Ich habe mir oft Sorgen gemacht, weil sie sogar ihre Freizeit in armen Stadtvierteln und mit Straßenkinder verbrachte.“ Aber sie habe  immer gewusst, dass sich ihre Tochter bei ihrer Arbeit an alle Gesetzte und Vorschriften hielt, um den Behörden keinen Anlass zu geben ihre Aktivitäten zu stoppen.

Vorwurf: „Feindschaft gegen Gott“

Einen Anlass, die Menschenrechtsaktivistin zu verhaften, haben die iranischen Behörden dennoch gefunden. Sie haben Shiva Nazar Ahari am 20. Dezember 2009 festgenommen, als sie an der Beerdingung von Ayatollah Montazeri, einem bedeutenden Kritiker der iranischen Regierung, teilnehmen wollte.

Ihr Anwalt, Dr. Mohammad Sharif, ist besorgt um seine Mandantin. Gegenüber einer Menschenrechtsorganisation im Iran sagte er Mitte August, er mache sich große Sorgen über das mögliche Urteil, weil Shiva auch noch wegen „Moharebeh“, also „Feindschaft gegen Gott“ angeklagt sei. „Moharebeh“ stellt ein Kapitalverbrechen in der Islamischen Republik Iran dar und kann mit dem Tod bestraft werden.

Die Deutsche Welle-Interviewanfrage lehnte Mohammad Sharif am 31. August ab. Kurz vor der Gerichtsverhandlung wolle er sich zu dem Fall nicht mehr äußern – schon gar nicht in den ausländischen Medien. Seine Mandantin sei mittlerweile eine der bekanntesten Gefangenen im Iran und den iranischen Behörden ein Dorn im Auge.

Reporter ohne Grenzen fordert Freilassung

Am 24. August hat die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) dazu aufgerufen, eine Petition zur Rettung von Shiva Nazar Ahari zu unterzeichnen. In der Petition an die iranischen Behörden fordert die Menschenrechts-Organisation die umgehende und bedingungslose Freilassung der Bloggerin und Menschenrechtsaktivistin, erklärt Reza Moini von der iranischen Sektion von „Reporter ohne Grenzen“. Sie haben zusammen mit Reporter ohne Grenzen Deutschland und mehreren anderen Menschenrechts-Organisationen diese Petition verbreitet, sagt Moini. „Frau Ahari wurde im vergangenen Jahr zweimal wegen unbegründeter Vorwürfe verhaftet. Die Vorwürfe sind nicht einmal nachvollziehbar. Sie war in den letzten Monaten mehrmals krank und wurde im Gefängnis nicht richtig versorgt. Sogar ihr Anwalt hat noch keinen Zugriff auf ihre Akte.“

Auch Freunde und Kollegen beim iranischen CHRR kämpfen seit Wochen für Shiva Nazar Ahari, sagt CHRR-Mitglied Parisa Kakaie: „Wir wollen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf ihre illegale Verhaftung und Inhaftierung lenken. Wir fordern ihre bedingungslose und sofortige Freilassung. Solange das nicht erreicht wurde, geben wir nicht auf.“

Autorin: Shabnam Nourian
Redaktion: Diana Hodali

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